Nora Ruland im Gespräch mit Kurt Gerhardt
10. September 2012, | posted by kluelz at 10:45:16 pm | 4 Comments
“Meine Damen und Herren, die Reihe der folgenden Namen müssen Sie sich auf der Zunge zergehen lassen: Heinrich Mann, Heinrich Böll, Günter Wallraff, Hermann Hesse, Joschka Fischer, Johannes Rau, Nora Ruland. Alles Buchhändler.” So begann Kurt Gerhardt seinen 90-minütigen Talk mit Nora Ruland vor einer Woche im Brunosaal. “Buchhändler ist ein besonderer Beruf”, setzte er nach und: “Was ist das Besondere daran?”
Nora Ruland: “Er kann lebenserfüllend sein, man kann sehr viel reinlegen, man kann es mit den eigenen Interessen verbinden, man kann nur einen Laden führen oder ihn mit einem Salon verbinden, man kann tolle Gespräche über Literatur führen”.
Nach ihrer mittleren Reife hatte Nora Ruland auf Grund der damaligen Kurzschuljahre bereits mit 15 Jahren ihre Lehre in der Dürener Buchhandlung Zander begonnen und dort auch sogleich ihren späteren Mann Manfred kennengelernt, der dort ihr Ausbilder war. Leseratten sind alle beide, doch Manfred Ruland ist mehr für das Kaufmännische zuständig und Nora für das Buch.
“Was ist schwierig am Kaufmännischen?” Das Schwierige am Kaufmännischen sei, dass man den Einkauf auch wieder verkaufen können muss und daher könne man nicht nur von den eigenen Favoriten ausgehen. Man muss sich in seine Kunden hineinversetzen und für ihn das Richtige finden und sicher gebe es schlechte Bücher, so Nora Ruland auf Nachfrage von Kurt Gerhardt, “doch wenn sie für mich nicht wichtig sind, so können sie durchaus für den Kunden wichtig sein”.
1972 hatte Nora Ruland als Buchhändlerin in der Buchhandlung Olitzky begonnen und bei Herta Olitzky die Feinheiten gelernt, also mit Kunden umzugehen und das richtige Buch für jeden Leser zu finden. Herta Olitzky hatte zuvor ein Lädchen, wie sie es nannte, ebenfalls auf der Luxemburger Straße und zwar in einem Teil vom heutigen Optik Herrmann und war später dorthin gezogen, wo es die Buchhandlung Olitzky noch heute gibt, und den sie Laden nannte!
Als Nora ihren Manfred heiraten wollten, erfuhr Herta Olitzky, dass auch Manfred Buchhändler ist und schon bald kam die Frage: “Können Sie sich vorstellen, die Buchhandlung zu kaufen?” Die Beiden fühlten sich zunächst noch ein wenig zu jung dazu, doch nach einer Weile war es dann beschlossene Sache, denn Herta Olitzky suchte einen Nachfolger und zwar gemäß Kaufvertrag solche, die den Namen Olitzky weiterführen sollten und so heißt die Buchhandlung weiterhin Olitzky mit dem Zusatz “Inhaber: Manfred Ruland”.
Die Rulands führen eigene Beststellerlisten, die offiziellen sind im Veedel nicht gefragt. “Und ja, wir haben ein überdurchschnittlich gutes Publikum in Sülz-Klettenberg mit großer Leseerfahrung. Sie lesen sich herauf und ziehen uns regelrecht mit nach oben.”
“Meine Favoriten stelle ich im November wieder beim Herbstblättern im Freiraum vor und dann geben wir zweimal im Jahr einen eigenen Katalog heraus.”
“Das Lieblingsbuch eines Buchhändlers ist stets das aktuell gelesene.” Und so hatte Nora Ruland sogleich zwei Bücher mitgebracht. Darunter das “Herzensbuch” der Beiden, das eigentlich in jeden Sülz-Klettenberger Haushalt gehöre. Und ja, in meinem Haushalt gibt es das Buch bereits, denn ich war zufällig in der Buchhandlung als es im Frühjahr angeliefert wurde, nahm es sogleich mit und empfahl es auch auf suelz-koeln.de, denn schließlich hatte ich mir bereits seit 6 Jahren selbst gewünscht, an die in diesem Buch veröffentlichten Texte heranzukommen und außerdem wohnte Lou Straus-Ernst nach der Trennung von ihrem Mann Max Ernst lange Zeit in der Sülzer Emmastraße und heute gibt es einen Stolperstein direkt vor dem Haus … (mehr unter dem Link!). Nora und Manfred Ruland hatten sich persönlich um die Veröffentlichung dieser Texte gekümmert, in dem sie sogleich mehrere Verlage dazu ansprachen und Greven nahm das dann letztlich in die Hand.

Zweimal im Jahr erhalten die Rulands riesige Stapel Leseexemplare von den Verlagen, die sie sämtlich durchsehen. Andererseits gebe es durchaus Verlage, bei denen selten was Gutes dabei sei und lesen müssten sie ja nur, was sie auch gern verkaufen möchten.
“Wie finden Sie die Zeit zum Lesen?” “Wir haben 2 Stunden Mittagspause und sehen wenig fern.” … mehr
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4 Responses to “Nora Ruland im Gespräch mit Kurt Gerhardt”
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September 11th, 2012 @ 04:51
“Wie sieht es mit Lesungen aus? Bringen die was?” “Unsere Lesungen, ja.”
Der vordere Teil des Brunosaals war sehr gut besucht mit den Kunden der Buchhandlung Olitzky und so erzählte uns Nora Ruland, was wir eigentlich allesamt längst wissen müssten und uns trotzdem unter der Leitung von Kurt Gerhardt gern erzählen ließen, der uns routiniert und mit unzähligen ironischen Bemerkungen weiter durch den Talk führte, in dem wirklich alles, was Buchhandel betrifft gestreift wurde.
“Wir haben gemeinsam mit der evangelischen Kirche Sülz-Klettenberg das Forum Klettenberg gegründet und kommen so an die großen Räume. Das ist keinesfalls durch Kirchensteuergelder finanziert, sondern die Erlöse aus den Lesungen werden verwendet, um die nächsten Lesungen zu finanzieren.” Auch suelz-koeln.de-Leser wissen, welch große Literaten dadurch bei uns in Sülz bereits zu Gast waren, denn zuweilen ist suelz-koeln.de ja dabei, wie z.B. bei Rafik Schami im voll besetzten Tersteegenhaus oder Ernesto Cardenal in der voll besetzten Johanneskirche.
“Fantasy schwillt gerade wieder ab”, so Nora Ruland auf die Frage, ob es auch Moden bei den Lesern gebe. Es sei zuweilen auch ein bissel Lotterie und bestimmte Autoren verkaufen sich dann plötzlich nicht mehr, während andere Bücher plötzlich einfach da seien und die Bestsellerlisten anführten.
Über einen kleinen historischen Abriss über Schutzumschläge damals und heute, den Unterschied von Taschenbuch und Paperback, die früher notwendigen Effekte von Goldschnitt, den Kostenfaktor eines Lesebändchens ging es dann zu eingesparten Lektoraten und Büchern mit vielen Fehlern, die auch bei den allerdings heute seltenen Neuauflagen nicht korrigiert werden. “Schreiben Sie wütende Briefe an die Verlage”, empfahl uns Nora Ruland und würdigte sogleich die schönen Fehler, wie z.B. Loriots Steinlaus.
“Lesen die jungen Leute noch?” “Um einen PC bedienen zu können, müssen sie auch lesen können.”
“Fahren Sie mal Straßenbahn, Herr Gerhardt”, rief jemand aus dem Publikum, “da können Sie die jungen Leute lesen sehen.” “Die aber gehen eher in die großen Ketten. Wir sind eine kleine Buchhandlung, da gibt es eine Stufe und man muss die Ladentür aufmachen”, kommentierte Nora Ruland das und, es gebe aber zarte Pflänzchen, sehr liebe, sehr interessierte, junge Kunden, die auch gern beraten werden wollen. Auch gehöre eine Familientradition, das Vorbild in der eigenen Familie dazu. Wenn da eine Mutter auf Anraten der Lehrerin mit ihrem Kind in der Buchhandlung erschiene und die Mutter dazu bemerke: “Ich les ja nicht”, wird das eher nicht klappen.
Auch die Rulands werden wahrscheinlich bald ein Kindle haben, da die Leseexemplare der Verlage wohl bald nur noch elektronisch angeliefert werden. Im Verkauf will man aber beim Papier bleiben. “Oder?”, fragte Nora Ruland ins Publikum. “Jaaaaaa”, kam es zurück:
Auch die eigenen Kinder läsen Zeitung schon nur noch auf dem PC, aus Kostengründen.
Auch Hörbücher seien ein riesiger Markt, den die Buchhandlung mit ausgewählten Exemplaren bediene. Regelrecht furchtbare Exemplare seien da auf dem Markt, aber auch hervorragend gelesene. Das sei aber abnehmend, wenngleich für Kinder sowie von Leuten, die viel mit dem Auto unterwegs sind, sehr gefragt. Und für die Kinder habe man auch “das Rosafarbene”, damit sind gut sortierte und eher nicht die gängigen Bilderbücher gemeint.
“Die Buchhandelsketten hatten wohl gehofft, dass die Buchpreisbindung in Deutschland fallen würde”, führte Nora Ruland über diese Welle aus, die aber auch abschwellend sei. Thalia und Mayersche ächzen und wir ächzen auch. Die Großen versuchen sich über das profitablere Non-Book-Geschäft zu retten und gestalteten ihre Buchhandlungen als Cafés und Erlebniscentren, um die teuren Mieten bezahlen zu können. In Frankreich habe man die Buchpreisbindung wieder eingeführt, nachdem dort die kleinen inhabergeführten Buchläden reihenweise gestorben seien. Auch fehlte dadurch die Mischkalkulationsmöglichkeit, die Bestseller werden ohne Buchpreisbindung billiger, während andere Bücher, auch Fachbücher, richtig teuer werden. Auch eine Förderung junger Autoren sei so nicht mehr möglich. Auch müsse man die Folgen für all diejenigen bedenken, die da dranhängen, wie z.B. Illustratoren und viele andere mehr.
“Waren es anfänglich Hauptschüler, die bereits den Beruf eines Buchhändlers erlernen konnten, so sind es heute vor allem Abiturienten”, so Nora Ruland: “Man muss ja auch sehr viel wissen und muss permanent hinzulernen, sich weiterbilden und lesen und das kann man nicht während der Arbeitszeit. Buchhändler, die gerade ein besseres Verkäuferinnengehalt erhalten, betreiben eigentlich Selbstausbeutung.” Aber es ist ein sehr alter Berufsstand, was man schon daran sehen kann, dass es noch immer “Börsenverein des Deutschen Buchhandels” heiße, woher das kommt? Im vorletzten Jahrhundert bestand Deutschland aus vielen, kleinen Staaten mit unterschiedlichen Währungen und da hieß es über die Kleinstaatengrenzen hinaus, die Preise umzurechnen.
Buchhändler seien nach seiner Erfahrung aber fast alle sehr interessante Menschen, so Kurt Gerhardt. “Wir haben alle ein universelles Halbwissen.”
Heute aber, denn Herta Olitzky sei doch längst tot, könnte man die Buchhandlung aber doch auch Buchhandlung Ruland nennen, insistierte Kurt Gerhardt gegen Ende regelrecht nochmal. “Ist nicht nötig”, riefen die anwesenden Kunden aus dem Publikum fast im Chor sogar und Manfred Ruland meinte ebenfalls aus dem Publikum, dass das für die Homepage auch sehr unfruchtbar wäre. Olitzky fände man bei den Suchmaschinen umgehend.
“Haben Sie mal erwägt, selbst zu schreiben?” “Nein, werde ich auch nie tun. Ich habe so viele Vorbilder, da werde ich die Menschheit nicht mit selbst Geschriebenem belästigen.”
“Wieso haben Sie sich eigentlich so lange geziert, hier an diesem Talk teilzunehmen?” “Ich fand einfach, dass das eine zu große Ehre für mich ist.” Nein, ist es nicht, liebe Nora Ruland!
Ja, und gleichwohl ja eigentlich der Manfred Ruland das Kaufmännische besser beherrscht, so stellte Kurt Gerhardt auch diese Fragen an den Talkgast Nora Ruland. Es ist eben Nora Ruland, welche von ihren Favoriten beim Herbst- und Sommerblättern erzählt, es ist Nora Ruland, die so nötig, auch mal eine Ansprache hält, es ist mehrheitlich Nora Ruland, deren Augen den Käufer mit oftmals gar leicht bewundernden, auf jeden Fall aber voll akzeptierendem Blick zu durchdringen sucht, um genau das richtige Buch für ihn zu finden. Da bleibt das kaufmännische Talent von Manfred, gleichwohl symbiotisch notwendig und überlebenswichtig, eben wo? Richtig, im Hintergrund.
“Haben Sie ihren Mann geheiratet, weil er auch Buchhändler ist?” “Nein, es war Liebe und ist es noch!”
September 12th, 2012 @ 09:47
Ich hoffe, dass der Kindle ein Fehler der Redaktion ist, da Kindle nur mit Amazon zusammengeht.
Herzliche Grüße
Esther Giese
September 12th, 2012 @ 10:06
Hallo Frau Giese, da haben Sie vermutlich Recht. Kurt Gerhardt benannte den Kindle, wohl stellvertretend für alle E-Booksysteme, und Frau Ruland verwies auf die diversen Möglichkeiten mit dem Hinweis, dass aber möglicherweise diese Leseexemplare bald elektronisch ausgeliefert werden könnten. Danke für Ihren Hinweis! Sie sehen, wie wenig ich mich bisher damit beschäftigte. Ich lud bisher allenfalls mal flugs ein Hörbuch, an das ich schnell drankommen wollte, aufs iPad.
Dezember 29th, 2012 @ 11:58
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