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GELDGOTT//CHOR DER EMPÖRTEN

27. Oktober 2012, | posted by kluelz at 8:45:40 pm | 4 Comments

Es dürfte zwei Gründe geben, wieso ich ausgerechnet die Inszenierungen von Kostas Papakostopoulos und also dem in Sülz ansässigen Deutsch-Griechischen Theater nun seit 4 Jahren in Folge besuche, gleichwohl ja auch weitere Sülzer Inszenierungen in der Studiobühne zu sehen sind. Erstens habe ich mich vor allem während meines Studiums völlig studienfachfremd so ungefähr durch die gesamte Weltliteratur gelesen, darunter auch alte Griechen und zweitens studierte Papakostopoulos bevor er ins Theaterfach wechselte Betriebswirtschaft.

Und wer z.B. bei Aristophanes schmökert, erkennt unmittelbar wie klug manche Menschen bereits vor 2.400 Jahren waren sowie, da kaum einer heute solche Höhen wie die griechischen Klassiker erreicht, dass darüber hinaus folgerichtig ein jeder Mensch mit seiner Geburt beginnen muss, sich zu entwickeln. Kostas Papakostopoulos transferiert die griechischen Klassiker treffsicher in die heutige Zeit, wobei es sicher auch seinem wirtschaftswissenschaftlichen Background zu verdanken ist, dass das immer wieder so stimmig passiert.

Mit GELDGOTT//CHOR DER EMPÖRTEN greift Kostas Papakostopoulos das zweite Mal in seiner 22 jährigen Theaterzeit auf das Stück „Ploutos“ von Aristophanes zurück:

Der Athener Bürger Chremylos hat lange genug mitansehen müssen, wie um ihn herum Gauner zu Reichtum kommen. Er fragt das Orakel in Delphi, welchen Weg da sein Sohn einschlagen soll, und erhält den Rat, den Nächsten, den er trifft, zu sich zu nehmen. Der blinde, zerlumpte Greis, dem er auf dem Heimweg begegnet, ist kein anderer als Ploutos, Gott des Reichtums…

Szenenfoto aus “ GELDGOTT//CHOR DER EMPÖRTEN “
© Verein Kölner Kulturbildarchiv (VKKBA) / Foto: Wolfgang Weimer


… und in der Folge lässt Aristophanes in diesem zutiefst ironischen Werk alle Träume vom „Schlaraffenland“ wahr werden. In unserer Inszenierung entdecken wir in den Athenern von damals die Empörten von heute, in einem von Banken- und Schuldenkrise erschütterten Europa. Ihre Wünsche nach einer gerechten Verteilung der Güter lassen wir Wirklichkeit werden – mit ungeahnten komischen Konsequenzen.

Und wer ggf. dachte, das Thema mit der Einkommensverteilung sei ein moderneres politisches Thema, der wird bei Papakostopoulos eines besseren belehrt. In Papakostopoulos Adaption von Ploutos erkennen die Protagonisten, dass die Welt nicht funktionieren kann, wenn alle reich sind und sorgen am Ende dafür, dass der von seiner Blindheit geheilte Geldgott wieder erblindet.

Und während ich während der Premiere u.a. an eine wunderbare Story von Carl Barks denken musste …

In dieser explodieren iirc Onkel Dagoberts Geldspeicher, in deren Folge alle Entenhausener plötzlich reich sind, um sodann zu entdecken, dass sie mit ihrem Geld die begehrten Luxusgüter nicht erstehen können, weil keiner mehr arbeitet. Außer Onkel Dagobert urplötzlich, der sich sämtliche Nahrungsmittelproduktionen sichert, um die Erzeugnisse zu horrenden Preisen zu veräußern, um am Ende wieder als einziger Entenhausener im Geld zu schwimmen.

… präsentiert uns Papakostopoulos vor einer Weltkarte, welche die Domainendungen zeigt …

Szenenfoto aus “ GELDGOTT//CHOR DER EMPÖRTEN “
© Verein Kölner Kulturbildarchiv (VKKBA) / Foto: Wolfgang Weimer

… unterschiedlichste heutige Empörte aus der Schweiz, Italien, Griechenland, Deutschland und Spanien gemeinsam auf der Agora mit Anspielungen auf den Gewerkschaftler oder den Piraten oder Anonymous sowie sonst wie völlig Durchgeknallte, aber auch den braven Normalbürger, der in einem Studium in Deutschland die Lösung für seine Kinder sieht.

Recht hat bei Papakostopoulos letztlich trotz Twitter, Facebook und sonstiger Vernetzungen keiner der Empörten, sondern allenfalls die Göttin der Armut. Und so können wir auf einem Riesentransparent schon relativ frühzeitig in der Inszenierung lesen:

„WAS GLAUBT IHR, WAS HIER LOS WÄRE, WENN MEHR WÜSSTEN, WAS HIER LOS IST?

Szenenfoto aus “ GELDGOTT//CHOR DER EMPÖRTEN “
© Verein Kölner Kulturbildarchiv (VKKBA) / Foto: Wolfgang Weimer

Die Interpretation ist auch wegen der Hervorhebungen mehrdeutig. Gemeint ist wohl, dass in der gegenwärtigen Krise eher keiner wirklich durchblickt sowie darüber hinaus, dass eigentlich nichts wirklich Existenzielles, Neues geschieht gerade. „Geld ist nicht wichtig“, philosophiert Thomas Franke, welcher den Chremylowitsch spielt gegen Ende denn auch und weiter: „Aber mein Sohn.“

Im Programmheft kann man unterschiedlichste Statements aus ebenso unterschiedlichen Quellen und Zeiten zum Thema Geld und auch Schulden lesen sowie eingangs direkt die folgende Interpretationshilfe:

Wenn die Banken brennen lichterloh, wenn man Supermärkte plündert, feiern wir ein großes Straßenfest, und die Bullen sehn wir rennen. Wenn das Radio spielt den Sommer lang frohe Lieder über Liebe, werden dort, wo Bankenasche liegt, wieder bunte Blumen sprießen. Sucht ihr dann den Weg der Flucht hinaus und ein Loch, euch zu verstecken, folgt im Ohr euch dieses Tangolied, auf dem Lauf zum Helikopter. Derweil steh ich auf der Agora, Büstenhalter in den Händen, sammle Geld, was ich euch spenden werd, send euch dazu meine Grüße.

Szenenfoto aus “ GELDGOTT//CHOR DER EMPÖRTEN “
© Verein Kölner Kulturbildarchiv (VKKBA) / Foto: Wolfgang Weimer


Abends zieh ich meinen Anzug an, ein paar Fetzen, die mir bleiben, und auf den Straßen tanzen wir, wie verliebte Pinguine.
Ein griechischer Tango

Bravo, lieber Kostas Papakostopoulos. Das war wieder einmal ein wunderbarer und auch lustiger sowie nachdenklich stimmender Abend und zudem hervorragend und in weiser Gelassenheit in Szene gesetzt. Ich freue mich bereits sehr auf die nächste Inszenierung.

Weitere Aufführungstermine und –orte:

  • 24. November 2012 um 20:00 Uhr im Rautenstrauch-Joest-Museum
  • 20. und 21. Februar 2013 um 20:00 Uhr im roten Saal des Comedia Theaters
  • 13., 14., 15., 16. und 17. März 2013 um 20:00 Uhr in der studiobühneköln

(Per Klick auf die in diesem Beitrag gezeigten Fotos gelangen Sie in das Sülzer Kulturbildarchiv. Dort können Sie im entsprechenden Beitrag weitere Details und insgesamt 42 Szenenfotos der Inszenierung einsehen.)

Comments

4 Responses to “GELDGOTT//CHOR DER EMPÖRTEN”

  1. Sülzer Kulturbildarchiv » Blog Archiv » GELDGOTT//CHOR DER EMPÖRTEN
    Oktober 27th, 2012 @ 20:46

    […] Lesen Sie auch die Meinung auf suelz-koeln.de zur Inszenierung: GELDGOTT//CHOR DER EMPÖRTEN auf suelz-koeln.de […]

  2. Stefan Wehmeier
    Oktober 28th, 2012 @ 14:22

    Es lässt sich nicht entscheiden, wer dümmer ist – von einer religiös verdummten Masse gewählte „Spitzenpolitiker“ und an Hochschulen indoktrinierte „Wirtschaftsexperten“, die elementare Zusammenhänge nicht mehr verstehen und nicht mehr verstehen wollen,…

    http://www.swupload.com//data/Geld-Geldmengen-Geldillusionen.pdf

    …oder der „moderne“ Massenmensch (vom Vollproleten bis Günther Jauch), der sich von Vollidioten (altgr.: idiotes = Privatperson; jemand, der öffentliche und private Interessen nicht trennen kann und deshalb für ein öffentliches Amt ungeeignet ist) regieren lässt und andere Idioten für „Experten“ hält, weil ihm irgendeine idiotische „Meinung“ wichtiger erscheint als elementares Wissen:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/10/geld.html

  3. kluelz
    Oktober 29th, 2012 @ 10:17

    Als „indoktrinierte“ Wirtschaftsexpertin fand ich die kürzliche Äußerung von Helmut Schmidt bei Maischberger sehr zutreffend. Er ist der Ansicht, dass es sich nicht um eine Eurokrise sondern um eine Schuldenkrise handele, die zugleich einen ganzen Stapel von Ursachen habe. Er selber habe da keinen Durchblick, sondern das könnten nur wenige der voll mitwirkenden Akteure haben.

    Ich denke, dass Papakostopoulos sich auf die folgenden Statements mit seiner Inszenierung beschränken wollte: „Wir können nicht alle reich sein.“ „Wir haben zu wenig Durchblick.“ „Es gibt wichtigeres als Geld.“

    Ich persönlich denke, dass eine Vielzahl neuerer Finanzmarktprodukte schlichtweg abgeschafft gehören und sich Anlagen wieder verstärkt auf tatsächliche Wertschöpfungen konzentrieren sollten. Es wurden/werden hohe Renditen auf Anlagen versprochen, deren Werte lediglich auf dem Papier existieren und Anleger dazu verleiten in diese zu investieren. Beim Crash gehen dann Werte verloren, die gar nicht vorhanden waren und von denen aber solche, die vor einem Crash ihre Papierchen verkauften profitierten.

    Dass Staaten da unterstützend eingreifen legitimiert sich allenfalls darin, dass vermieden werden soll, dass massenhaft Anleger ihre Altersversorgung verlieren. Ob das richtig ist/war wird sich imho erst dann zeigen, wenn diese Probleme denn irgendwann überwunden sein sollten.

    Mir persönlich wurden vor einer ganzen Weile dringlich amerikanische Immobilienfonds empfohlen. Ich ließ die Finger davon, da ich der Ansicht war, dass das nicht gutgehen könne. Dass das aber sich zu einer derartigen Krise mit Lehman-Pleite entwickeln würde, sah ich nicht voraus. Dazu fehlten mir schlichtweg eine Vielzahl von Insiderinformationen, über die imho nichtmal viele Insider verfügten.

    Dass Leute, die diesen Durchblick nicht haben, dumm seien, denke ich nicht. Hier auf suelz-koeln.de werden wir die Schuldenkrise jedenfalls genau so wenig lösen, wie Papakostopoulos es imho mit seiner Inszenierung für das DGT beansprucht. Dafür ist er einfach viel zu schlau oder anders: Er weiß, dass er zu wenig weiß und das ein Massenproblem ist.

    Jedenfalls habe ich die Inszenierung so verstanden.

  4. Jahresrückblick – Oktober bis Dezember 2012 - suelz-koeln.de
    Dezember 30th, 2012 @ 12:39

    […] Das Deutsch-Griechische Theater hat seine jährliche Premiere in der Studiobühne: GELDGOTT//CHOR DER EMPÖRTEN […]

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